Nach der 1:6-Katastrophe in München müssen sich Martín Demichelis und RB Leipzig unbequemen Fragen stellen – und ausgerechnet im Bernabéu gegen Real Madrid Antworten liefern. Dass José Mourinhos zweite Amtszeit bei den Königlichen gerade Kontur zu bekommen scheint, macht die Aufgabe für die Gäste aus Sachsen nicht leichter.
Aus Madrid berichtet Michael Bojkov.
Sie wollten die Bayern hoch anlaufen, ließen jedoch jegliche Intensität vermissen. Hinten stimmten Abstände und Zuordnung nicht. Die direkten Duelle – wenn es denn überhaupt zu welchen kam – wurden zaghaft, ja fast schon ängstlich geführt. Homöopathisch dosierte Ausflüge nach vorne versandeten, bevor es auch nur ansatzweise gefährlich wurde. Es war ein mannschaftstaktischer Offenbarungseid, gepaart mit schier unerklärlichen individuellen Totalausfällen nahezu aller Spieler auf dem Platz. Dass der Leipziger Gastauftritt in München einer regelrechten Kapitulation glich, daraus machten weder Spieler noch Verantwortliche einen Hehl.
Insbesondere Trainer Martín Demichelis musste sich viele Warum-Fragen gefallen lassen: Er hatte Intensität angekündigt – warum war davon 90 Minuten lang nichts zu sehen? Warum gab es keinen pragmatischeren Plan B, der spätestens nach 34 Minuten hätte greifen müssen, als der unbändige Michael Olise auf 3:0 für Bayern erhöhte? Warum wurde Lukas Klostermann, der zuletzt im April in der Startelf gestanden war, Schleudertraumaverursacher Luis Díaz ausgesetzt?
RB Leipzig wartet noch auf den Demichelis-Effekt
Immerhin: Sie scheinen aus München gelernt zu haben, zumindest gedanklich. „Wir wissen, was schiefgelaufen ist“, versicherte David Raum auf der Pressekonferenz vor dem Spiel in Madrid, um anschließend zu attestieren: „Wir brauchen vor allem eine ganz andere Intensität.“ Das Stichwort Intensität war auch ein Grund, weshalb RB Leipzig im Sommer Martin Demichelis als neuen Trainer installierte und dafür den sportlich erfolgreichen, aber nach Geschmack der Klubverantwortlichen fußballerisch zu umglamourösen Ole Werner opferte. Von besagter Intensität ist jedoch auch abseits des Bayern-Debakels nicht viel zu sehen bislang.

„Demichelis‘ Arbeit ist seit seiner Ankunft von Werners Entlassung überschattet und wird stets daran gemessen, ob er den geforderten Glanz ins Team bringt und Intensitätsfußball spielen lässt. Dieser Fußball ist bisher kaum sichtbar“, attestiert auch Janine Basler, die als freie Journalistin sowohl über RB Leipzig als auch Real Madrid schreibt und vor dem direkten Aufeinandertreffen der beiden Klubs mit fussball-news.de gesprochen hat.
Demichelis‘ bisherige Amtszeit ist also weniger von den eigentlich gewünschten Tugenden, dafür aber umso mehr von Unbeständigkeit geprägt. In der Champions League gingen die Bullen zum Auftakt mit 1:4 in Como baden, woraufhin ein 1:0-Sieg gegen PSV Eindhoven und das bislang vielleicht überzeugendste Saisonspiel folgten. Ähnlich zeigt sich die fehlende Konstanz in der Bundesliga, wo ebenfalls drei Auswärtsniederlagen drei Heimsiegen gegenüberstehen, darunter ein berauschendes 6:0 gegen Frankfurt. Wobei Janine Basler auch da relativiert: „Die bisherigen Siege können, bis auf PSV, nur begrenzt als Gradmesser gewertet werden, da die Gegner, Mönchengladbach, der HSV und Frankfurt, allesamt sehr schwach waren.“
Im Bernabéu müssen Demichelis und RB Leipzig Antworten liefern
Und dann die 1:6-Rutsche in München. Der Status quo in der sächsischen Landeshauptstadt bringt deutlich mehr Fragen als Antworten mit sich. Fragen, die der RB-Tross auch im Gepäck nach Madrid mit sich herumschleppt. Das Duell mit den Königlichen soll zumindest erste Bausteine für Antworten liefern. Eine Rehabilitationsreise, so viel steht fest, ist der Ausflug in die spanische Hauptstadt aber keineswegs. Dazu ist Real Madrid unabhängig vom Leipziger Ist-Zustand auch individuell viel zu stark.
Zwar haben sich die Bullen bei ihren beiden bisherigen Auftritten im Bernabéu alles andere als schlecht präsentiert und neben einer späten 0:2-Niederlage dem Weltklub sogar 1:1 abgetrotzt, was im Februar 2024 nach einer 0:1-Pleite im Hinspiel nur knapp nicht zum Erreichen des Champions-League-Viertelfinals gereicht hatte. Allerdings sind besagte Auftritte schon zu lange her, die Mannschaft mittlerweile eine völlig andere, sodass ein Vergleich hinken würde.

Das sieht auch Demichelis in Bezug auf seine eigene Trainerbilanz gegen die Blancos so. Dass er im April dieses Jahres mit RCD Mallorca einen 2:1-Sieg über Real feierte, davon wollte der Argentinier in der Vorbereitung auf Mittwochabend nichts wissen: „Das war eine total andere Mannschaft und eine total andere Situation.“ Zumal der Sieg seinerzeit immerhin auf Mallorca und nicht im Bernabéu stattfand und auch die Königlichen im Sommer ihren Trainer wechselten.
José Mourinho: „Der Alte“ bringt „frischen Wind“
Die Rückkehr von José Mourinho sorgte für geteilte Meinungen, und doch scheinen sich mittlerweile auch manche Kritiker von „The Special One’s“ zweiter Liaison mit den Galaktischen anzufreunden. „Mourinho macht genau das, was man vor seinem zweiten Amtsantritt erwartet hat. Anfangs hat er sich noch etwas zurückgehalten, gesagt, er sei ruhiger geworden, doch inzwischen wird klar, dass er doch irgendwie der Alte geblieben ist und damit natürlich auch wieder frischen Wind in die Mannschaft bringt“, schätzt Janine Basler das aktuelle Standing des Portugiesen in Madrid ein, und setzt noch einen obendrauf: „Ich bin der Meinung, er war und ist genau der richtige Trainer für Real Madrid. Denn der Klub brauchte jemanden, der ihn nach außen mit viel Autorität und Selbstbewusstsein repräsentiert.“ Das zeigt sich insbesondere bei den nie endenden Diskussionen um Schiedsrichterentscheidungen und auch interne Störfeuer deutlich. Was auffällt: Mourinho verteidigt seine Spieler und das Klubwappen nach außen praktisch wie seine eigene Familie.

Die Formkurve der Königlichen zeigt nach oben
Und auch sportlich scheint die Trainer-Ikone seine Mannschaft zunehmend dahin biegen zu können, wo er sie langfristig gerne haben würde. In der Liga verlor man zwar auswärts gegen Betis (0:1) und im Stadtderby bei Atlético (1:2), was angesichts der makellosen Bilanz des Rivalen aus Barcelona schmerzt. Abgesehen von diesen beiden Pleiten gegen zweifelsohne starke Gegner haben die Königlichen aber alle Spiele gewonnen – darunter alle Heimspiele sowie sämtliche Auftritte in der Champions League. Dort bekleckerten sich die Madrilenen in der vergangenen Woche zwar nicht gerade mit Ruhm, auf schwache 60 Minuten und einen 1:3-Rückstand bei der Roma folgten jedoch eine fulminante Aufholjagd und ein 4:3-Sieg, der auch viel über den psychologischen Ist-Zustand der Mannschaft aussagt.
Am Wochenende folgte mit einem 4:1-Sieg gegen den FC Sevilla der vielleicht stärkste Auftritt seit der Mourinho-Rückkehr – mitsamt Traumtoren von Kylian Mbappé, Arda Güler und auch Ex-Leipziger Yan Diomande. Ob Letzterer auch heute Abend gegen seine alten Kollegen spielen darf, dazu wollte sich José Mourinho auf Nachfrage von fussball-news.de bei der Pressekonferenz nicht äußern. Fest steht nur, dass Vinícius Junior startet, der in der Liga aktuell gesperrt fehlt. Fest steht auch, dass RB Leipzig es mit einer geballten Menge an individueller Klasse zu tun bekommt – unabhängig davon, welche Elf den Sachsen am Ende gegenübersteht.
Wo liegen die Chancen für RB Leipzig?
Und auch wenn Demichelis und seine Mannschaft gewillt sind, die Lehren aus München mit nach Madrid zu nehmen, glaubt Janine Basler, dass bei den Bullen „zu viel Instabilität herrscht, um damit 90 Minuten gegen Real Madrid zu bestehen. Ebenso wird es die Mannschaft nicht schaffen, 90 Minuten auf höchstem Niveau zu verteidigen“. Und doch sieht die Real- und Leipzig-Expertin Möglichkeiten, wie der Bundesligist den 15-fachen Champions-League-Sieger zumindest mal ärgern könnte: „Auch Real Madrid hat Schwierigkeiten damit, seine Leistung 90 Minuten lang zu bestätigen. Die Mannschaft wird gerne mal zu passiv, und das sind Phasen, die RB Leipzig durchaus nutzen könnte. RB hat mit Antonio Nusa und Brajan Gruda starke Flügelspieler, die mit viel Tempo nach innen ziehen können. Wenn RB im letzten Drittel mit Geschwindigkeit agiert, kann das zu Chancen führen – auch weil Real seine Schwächen in der Defensive hat.“
Als ein weiteres Mittel für RB nennt Basler Standards – „da kann immer was gehen“. Ansonsten müssen die Sachsen vielleicht auch ein bisschen darauf hoffen, dass Real Madrid gedanklich schon beim Clásico ist, der am kommenden Sonntag steigt. Zu groß ist die Kluft und die aktuelle sportliche Realität zwischen beiden Klubs.

