Kommentierende Analyse: Diomande hat Vinícius den Rang abgelaufen

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Vinícius Junior befindet sich im vielleicht größten Leistungsloch seiner Karriere. Parallel liefert Yan Diomande immer mehr Beweise, warum er die von Real Madrid nach Leipzig überwiesenen 130 Millionen Euro wert ist. José Mourinho gehen allmählich die Argumente aus, „Vini“ in die Startelf zu beordern. Eine kommentierende Analyse.

Aus dem Bernabéu in Madrid berichtet Michael Bojkov.

Normalerweise entspricht es nicht dem Gusto des José Mourinho, schon mehrere Tage vor einer Partie ein Startelfmandat zu erteilen – und dieses gar öffentlich zu machen. Im Fall Vinícius Junior machte der Portugiese eine Ausnahme. Bereits nach dem 4:1-Ligasieg gegen den FC Sevilla am vergangenen Sonntag verkündete die Trainer-Ikone: Vinícius wird in der Champions League gegen RB Leipzig von Beginn an spielen. 

Das war zumindest insofern eine plausible Entscheidung, als dass der brasilianische Linksaußen aktuell eine Vier-Spiele-Sperre in La Liga absitzt, die er sich mit einer Tätlichkeit im Spiel gegen Villarreal vor elf Tagen einheheimst hatte. Einen guten Trainer zeichnet auch aus, seine Spieler bei Laune zu halten. Und Vinícius hat bekanntlich Bedarf für regelmäßige Streicheleinheiten. 

Auch deswegen wurde Mourinho in den vergangenen Wochen nie müde zu betonen, wie wichtig Vinícius für die Mannschaft sei. Damit hat er zwar nicht unrecht und Mourinho ist ohnehin bekannt dafür, sich gegenüber der Öffentlichkeit schützend vor seine Spieler zu stellen. Und doch beschlich so manch einen das Gefühl, der 63-Jährige würde die sportliche Realität verklären. Denn nach dieser hätte sich Vinícius den Startelf-Einsatz nicht wirklich verdient gehabt. Der 26-Jährige läuft schon seit Wochen seiner Form hinterher, bringt es wettbewerbsübergreifend in 801 Minuten auf lediglich ein Saisontor, das auch schon fast zwei Monate zurückliegt. Auch beim Champions-League-Spiel in Rom stand „Vini“ in der Startelf. Nachdem ihm eine Stunde lang nichts gelungen war, wurde er beim Rückstand von 1:3 durch Carlos Espí ersetzt, der Dynamik reinbrachte und mit einem Tor entscheidend zum 4:3-Sieg der Königlichen beitrug. Über die eigene schwache Leistung war sich der Tempodribbler auch bewusst, sagte nach dem Spiel selbstkritisch: „Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich nicht meine beste Leistung bringe.“ Um anschließend zu versprechen: „Ich arbeite an mir, um so schnell wie möglich wieder der Alte zu werden“ (Zitate via realtotal.de)

Vom alten Vinícius war aber auch beim gestrigen 4:1-Sieg gegen RB Leipzig wenig zu sehen, im Vergleich zu seinen offensiven Teamkollegen fiel der Brasilianer ab. Folglich wurde er nach 70 Minuten neben Álvaro Carreras als erster Madrilene ausgewechselt – und das, obwohl er am letzten und kommenden Wochenende spielfrei hat(te).

Mehr noch: Vinícius musste mit ansehen, wie seine Ablöse Yan Diomande genau die Dynamik ins Spiel brachte, die er zuvor 70 Minuten lang hatte missen lassen. Und Vinícius sah auch, wie Diomande zuerst das 3:0 für Kylian Mbappé auflegte (83.) und abschließend mit einem traumhaften Volley in den Knick selbst für den 4:1-Endstand sorgte (87.). Bereits gegen Sevilla gelangen dem Ex-Leipziger Tor und Vorlage. In den vergangenen vier Pflichtspielen hat der Ivorer nun drei Treffer und drei Assists beigesteuert. Derweil wartet Vinícius seit fünf Spielen auf eine direkte Torbeteiligung. Zudem hat der 1,76 Meter große Rechtsfuß bei seinen letzten beiden Startelfeinsätzen, also den Champions-League-Spielen in Rom und gegen Leipzig, kein einziges Dribbling versucht – ein unrühmliches Novum für den Brasilianer im weißen Dress. In seinen 309 Startelf-Einsätzen zuvor war es insgesamt nur in drei Spielen vorgekommen, dass Vinícius nicht ins Dribbling ging (Opta).

Dass auch Mourinho mittlerweile mit den nackten Tatsachen ringt, merkte man ihm auf der gestrigen Pressekonferenz nach dem 4:1-Sieg gegen Leipzig an. Der Portugiese attestierte Vinícius „kein schlechtes Spiel“ und gute Arbeit gegen den Ball. Kritik sieht anders aus, Lob aber auch – zumal für einen Spieler, der nach dem knapp verpassten Ballon d‘Or vor zwei Jahren trotzig ankündigte, in Zukunft wenn nötig „das Zehnfache“ des bisherigen zu leisten. Die bittere Realität 24 Monate später ist, dass Vinícius im größten Leistungsloch seiner mittlerweile acht Jahre andauernden Zeit im Dress der Königlichen steckt. Das alles mag valide Gründe haben – auch und vor allem private, die von außen kaum fair beurteilt werden können. Auf der Bühne der Weltbesten zählt das aber nicht, da ist die Leistung auf dem Platz entscheidend.

Anders als noch in vorherigen Spielzeiten, als Vinícius auf seinem linken Flügel praktisch unangefochten war, hat Real Madrid im Sommer 130 Millionen Euro in eines der größten Offensivtalente investiert, dessen Stärken auf derselben Position am besten zur Geltung kommen. Und nach anfänglichen Schwierigkeiten ist Diomande gerade dabei, seiner Mannschaft immer mehr das zu geben, was Vinícius ihr aktuell nicht geben kann: Dynamik, Spielwitz, Gradlinigkeit – und Tore.

Zwar ist Diomande beileibe noch nicht an der eigenen Leistungsdecke angekommen. Wie auch, als 19-Jähriger, der vor ebensovielen Monaten noch in der zweiten spanischen Liga zugange war. Kein Wunder also, dass Mourinho ihm nach dem Sevilla-Spiel ein „großartiges Spiel attestierte“, ihn im gleichen Atemzug aber als „naiv und ein Produkt, dessen Entwicklung nicht am Ende ist“ bezeichnete. Gerade vor dem Tor fehle es dem Youngster noch an der nötigen Ruhe und der richtigen Entscheidungsfindung. „Aber das wird kommen“, so Mourinho. „Ich erinnere mich an Vinícius, nachdem er zu Real Madrid kam. Zwei, drei Jahre später war Vinícius ein überragender Spieler.“ Und fünf weitere Jahre später einer, der härter denn je um seinen Stammplatz kämpfen muss.

Im Clásico am kommenden Sonntag, so viel steht fest, ist Vinícius zum Zuschauen verdammt. Sollte Diomande auch das Duell mit dem großen Erzrivalen aus Barcelona für Eigenwerbung nutzen, führt eigentlich kein Weg mehr an ihm vorbei. Dann müsste sich Mourinho überlegen, ob er sein nächsten vorzeitiges Startelfmandat vielleicht an den 130-Millionen-Euro-Neuzugang aus Leipzig vergibt.

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