3:3 zu Hause gegen Eintracht Frankfurt, 0:4 in Leverkusen. Mauro Lustrinelli erlebt einen schwierigen Start beim 1. FC Union Berlin. Doch gerade jetzt darf der neue Trainer seinen angekündigten Wandel nicht verwässern. Nach der Umstellung auf ein 4-4-2 braucht die Mannschaft auch personell neue Impulse. Mit Supertalent Linus Güther besitzt Union eine echte Waffe in der Hinterhand, die nun zum Einsatz kommen sollte.
Ein Punkt und sieben Gegentore liefern Anlass für Veränderungen. Die naheliegende Reaktion wäre eine Rückkehr zu vertrauten Strukturen und mehr defensiver Absicherung. Damit würde Union allerdings genau den Weg verlassen, für den Lustrinelli verpflichtet wurde. Statt einer Rolle rückwärts sollte der Schweizer seine Idee konsequenter umsetzen.

Union darf den Systemwechsel nicht halbherzig angehen
Lustrinelli soll den lange von Intensität, zweiten Bällen und Standards geprägten Union-Fußball weiterentwickeln. Die Mannschaft soll früher attackieren, aktiver mit dem Ball umgehen und sich weniger auf lange Zuspiele verlassen. Die Abkehr vom biederen Defensivfußball steht für eine grundsätzlich neue Ausrichtung.
Beim Saisonauftakt gegen Frankfurt waren erste Ansätze davon zu erkennen. Union presste höher, suchte schneller den Weg nach vorne und belohnte sich mit drei Toren. Gleichzeitig fehlten die richtige Raumaufteilung und eine verlässliche Absicherung. In Leverkusen wurden diese Probleme schonungslos offengelegt. Die Abstände waren zu groß, das Pressing wurde zu leicht überspielt und nach Ballgewinnen fehlten die spielerischen Lösungen.

Das waren nicht nur Probleme der Formation. Lustrinelli setzt weiterhin überwiegend auf laufstarke und intensive Spieler, die vor allem gegen den Ball ihre Stärken besitzen. Diese Eigenschaften bleiben wichtig. Im neuen System braucht Union jedoch auch Akteure, die sich unter Druck aufdrehen, einen Gegner im Dribbling überspielen und aus engen Situationen etwas Unvorhersehbares entwickeln können.
Genau hier kommt Linus Güther ins Spiel.
Güther ist der beste deutsche Spieler des Jahrgangs 2010
Der 16-Jährige ist aktuell der beste Spieler des Jahrgangs 2010 im deutschen Nachwuchs. Kein anderer deutscher Fußballer dieses Alters verbindet technische Qualität, Spielintelligenz, Kreativität und direkte Torgefahr auf einem vergleichbaren Niveau. Zudem ist Güther bislang der einzige deutsche 2010er, der bereits fest zu einem Bundesliga-Kader gehört. Seine Leistungen sind längst zu konstant und zu auffällig, um ihn behutsam an den Profikader zu führen.
Beim 5:1 der Union-U19 gegen Hertha BSC am vergangenen Sonntag erzielte Güther zwei Tore und bereitete zwei weitere Treffer vor. Bereits in der vergangenen Saison hatte er im Pokal-Halbfinale gegen den Stadtrivalen ein Tor geschossen und drei Vorlagen geliefert. Während der Sommervorbereitung traf er beim 12:2 gegen Optik Rathenow für die Profis doppelt. Für die deutsche U16 erzielte er sieben Tore in neun Einsätzen.

Sein jüngster Auftritt gegen Hertha zeigte, warum Güther schon jetzt eine ernsthafte Option für die Profimannschaft ist. Beim Führungstreffer setzte er sich nach einem Pass in die Tiefe gegen Jerome Diallo durch und blieb vor dem Tor ruhig. Das 2:0 bereitete Güther mit einem präzisen Freistoß vor. Seinen zweiten Treffer erzielte er später aus spitzem Winkel.
Die technisch anspruchsvollste Aktion war allerdings sein zweiter Assist. Güther stand mit dem Rücken zum gegnerischen Tor und pflückte den Ball gekonnt mit der Brust aus der Luft. Noch während der Ballkontrolle erkannte er den Laufweg von Oskar Engel. Anschließend spielte er mit dem Vollspann einen perfekt getimten Pass in die Tiefe. Der Ball hatte genau den richtigen Spin, um in Engels Lauf zu fallen und gleichzeitig vom Torhüter wegzudrehen. Sein Mitspieler musste die Vorlage nur noch verwerten.
Auch Kommentator Jogi Hebel geriet angesichts seiner Leistung ins Staunen: „Da kann man nur sagen: Herzlichen Glückwunsch, Union Berlin, zu diesem Spieler.“
Güther kann für Union den Unterschied ausmachen
Güther kann auf mehreren offensiven Positionen eingesetzt werden und dem Spiel der Unioner Entlastung verschaffen. Er bietet sich auch unter Druck an, dreht mit dem Ball auf und nimmt anschließend Tempo auf. In höheren Zonen besitzt er die Ruhe und die technischen Möglichkeiten, einen Mitspieler einzusetzen oder selbst abzuschließen.
Auf der linken Seite kann Güther zunächst die Breite halten und seinen Gegenspieler im direkten Duell fordern. Von dort zieht es ihn immer wieder in den Halbraum, wo er Kombinationen anstoßen und selbst in Abschlusspositionen kommen kann. Im Zentrum kann er zwischen Mittelfeld und Angriff als Verbindungsspieler agieren. Beide Rollen entsprechen seinen Stärken.

Damit würde Güther Union eine Qualität geben, die im Spiel der Eisernen aktuell schmerzlich vermisst wird. Er kann enge Situationen mithilfe seiner Kreativität lösen, fordert den Ball auch unter gegnerischem Druck und besitzt den Mut zu ungewöhnlichen Lösungen.
Güthers Einsatz hätte eine enorme Signalwirkung
Eine größere Rolle für Güther wäre für Union nicht nur sportlich wertvoll. Der Klub würde zeigen, dass der angekündigte Wandel keine leere Formel ist. Union verändert nicht nur sein taktisches System, sondern erfindet sich auch personell neu.
Güthers Geschichte passt ideal zu diesem Weg. Er wurde in Spremberg geboren, begann beim Spremberger SV und entwickelte sich anschließend bei Energie Cottbus weiter. Nun könnte ein Junge aus dem Osten zu einem der Gesichter des neuen Union Berlin werden. Das hätte Strahlkraft weit über die eigene Mannschaft hinaus.
Union würde Talenten aus Berlin, Brandenburg und den ostdeutschen Nachwuchsleistungszentren zeigen, dass es in Köpenick einen realistischen Weg bis in die Bundesliga gibt. Gerade im Wettbewerb mit finanziell stärkeren Akademien wäre diese Glaubwürdigkeit enorm wertvoll. Spielzeit auf höchstem Niveau überzeugt junge Spieler und deren Familien stärker als jedes Versprechen.

Hinzu käme der wirtschaftliche Effekt. Güthers Marktwert würde durch regelmäßige Bundesligaeinsätze und gute Leistungen steigen. Union könnte sportliche Entwicklung und wirtschaftliche Wertschöpfung miteinander verbinden, ohne zuvor eine hohe Ablöse investieren zu müssen.
An der Viererkette festzuhalten, wäre deshalb nur der halbe Beweis für Lustrinellis Mut. Der andere Teil besteht darin, Spieler einzubinden, die dem neuen Union zusätzliche Qualität verleihen. Linus Güther wäre dafür nicht nur ein starkes Symbol. Er besitzt schon jetzt die Fähigkeiten, die Mannschaft als Unterschiedsspieler wesentlich zu verstärken.

