Gianni Infantino könnte bei der FIFA-Präsidentenwahl 2027 doch noch einen Herausforderer bekommen. Hochrangige Vertreter des europäischen Fußballs wünschen sich offenbar, dass Arsène Wenger als Gegenkandidat antritt. Der langjährige Arsenal-Trainer genießt international hohes Ansehen und könnte dem Weltverband ein neues Gesicht geben. Ob der 76-Jährige tatsächlich gegen seinen eigenen Chef antreten würde, ist allerdings völlig offen.
Aktuell deutet vieles darauf hin, dass Gianni Infantino auch im nächsten Jahr Präsident der FIFA bleibt. Der Schweizer strebt eine vierte und letzte Amtszeit an. Trotz der Kritik an seinem gescheiterten Vorhaben, kommerzielle Anteile an der Weltmeisterschaft an private Investoren zu verkaufen, fehlt bislang ein aussichtsreicher Herausforderer.
UEFA-Präsident Aleksander Ceferin und CONCACAF-Chef Victor Montagliani haben bereits erklärt, nicht kandidieren zu wollen. Bislang hat lediglich der frühere Tottenham-Profi Ramon Vega seine Bewerbung öffentlich gemacht.
Seit 2019 arbeitet der Franzose als FIFA-Direktor für globale Fußballentwicklung. Seine Befürworter heben vor allem seine fachliche Kompetenz und seine internationale Reputation hervor.
Ein hochrangiger Funktionär eines europäischen Nationalverbandes sagte gegenüber der BBC, dass Wenger „die Fußballentwicklung wirklich versteht, weil er sie selbst geleitet hat“.
„Man sieht ihn nicht nur als Europäer. In Asien genießt er beispielsweise aufgrund seiner Zeit in Japan hohes Ansehen. Viele sagen, er wäre der ideale Kandidat. Bei ihm geht es nicht um Geld, Status oder Ego. Er liebt den Fußball einfach. Er hat eine schwierige Rolle erfolgreich gemeistert und versteht die FIFA, deshalb wäre er ein wirklich guter Kandidat“, führte der Funktionär aus.
Bringt Wenger sich gegen Infantino in Stellung?
Der frühere UEFA- und FIFA-Funktionär Alex Phillips sieht in Wenger eine Chance für einen Kurswechsel. „Er ist kein Fußballpolitiker, aber er würde dem FIFA-Verband mehr Fußball und Integrität verleihen“, sagte Phillips der BBC. Auch innerhalb des Weltverbands soll es Mitarbeiter geben, die Wenger als möglichen Kandidaten unterstützen und sich von ihm eine Verbesserung des FIFA-Images erhoffen.
Allerdings ist unklar, ob der Franzose überhaupt Interesse an einer Kandidatur hat. Als die BBC über die FIFA nach seinen Absichten fragte, gab es keine Stellungnahme. Auch aus seinem persönlichen Umfeld wollte sich niemand dazu äußern. Ein Vertrauter bezeichnete Wenger gegenüber der BBC zwar als „idealen Kandidaten“, betonte jedoch zugleich dessen Unabhängigkeit.
Ein möglicher Wahlkampf wäre besonders brisant, weil Wenger seine aktuelle Funktion Infantino zu verdanken hat. Bislang galt er als loyal gegenüber dem FIFA-Präsidenten. Im Streit um das inzwischen zurückgezogene Investorenprojekt distanzierte sich der Franzose allerdings deutlich von den Plänen.
„Ich war an diesem strategischen Plan nicht beteiligt und erfuhr erst durch Medienberichte von dem Projekt“, erklärte Wenger damals. „Die Entscheidung, das Projekt zurückzuziehen, war absolut notwendig und stand außer Frage, denn ich glaube fest an eine unabhängige FIFA, die unserem Sport mit Engagement, Transparenz und Integrität dient“, erklärte Wenger damals.
Ist Wenger der Richtige?
Trotzdem blieb Wenger im Amt. Kritiker bezweifeln, dass er die politischen Fähigkeiten besitzt, um sich gegen Infantino durchzusetzen. Ein hochrangiger Funktionär aus dem europäischen Fußball sieht zwar das nötige Ansehen, ist sich aber nicht sicher, ob Wenger den amtierenden Präsidenten tatsächlich herausfordern würde.

„Er hat das nötige Ansehen, aber ich bin mir nicht sicher, ob er zukunftsfähig ist. Vielleicht könnte er eine Amtszeit absolvieren, um Reformen einzuleiten. Er genießt hohes Ansehen im Fußball und hat gute Arbeit bei den Entwicklungsprogrammen geleistet, aber ob er sich von Gianni trennen würde, weiß ich einfach nicht“, sagte der Funktionär der BBC.
Eine gut vernetzte Persönlichkeit aus FIFA-Kreisen zeigte sich ebenfalls skeptisch: „Ich wäre sehr überrascht, wenn Wenger sich gegen den Mann auflehnen würde, der ihn überhaupt erst eingestellt hat. Arsène hatte schon einige ziemlich abwegige Ideen. Was die Verwaltung des Fußballs und die Beziehungen auf politischer Ebene angeht, also genau dort, wo man Macht bündeln und ausüben muss, bin ich mir nicht sicher, ob er der Richtige dafür ist.“
Fest steht: Sollte der Franzose kandidieren wollen, muss er bis zum 18. November seine Bewerbung erklären und die Unterstützung von mindestens fünf nationalen Verbänden erhalten. Noch gibt es keine konkreten Hinweise auf einen solchen Schritt. Die Idee einer Präsidentschaftskandidatur Wengers bleibt damit vorerst ein Gedankenspiel – könnte für Infantino aber zu einer ernsthaften Herausforderung werden, sollte der frühere Arsenal-Coach tatsächlich antreten.

