Der Streit um die Zukunft des deutschen Ligen-Systems entwickelt sich zunehmend zu einem bundesweiten Konflikt. Nach den Protestaktionen zum Saisonauftakt der Regionalliga Nordost droht nun auch in der Bundesliga und der 2. Liga eine neue Welle von Fan-Protesten. Zahlreiche Ultra-Gruppierungen machen den Deutschen Fußball-Bund und die Regionalverbände für das Scheitern einer Reform verantwortlich und kündigen weitere Aktionen an.
Bereits am ersten Spieltag der Regionalliga Nordost kam es in allen neun Stadien zu einem gemeinsamen Protest. Die Partien wurden in den ersten Minuten bewusst unterbrochen, Stadionsprecher informierten die Zuschauer über die Hintergründe der Auseinandersetzung. Zudem sorgte die zweite Mannschaft des FC Bayern mit einer aufwendigen Choreografie für Aufmerksamkeit, die sich direkt gegen DFB-Präsident Bernd Neuendorf und den Bayerischen Fußball-Verband richtete.
Hintergrund ist die seit Jahren umstrittene Aufstiegsregelung zur 3. Liga. Derzeit existieren fünf Regionalligen, allerdings nur vier Aufstiegsplätze. Eine Reform sollte das Problem lösen, scheiterte jedoch zuletzt an unterschiedlichen Mehrheiten innerhalb der Regionalverbände.
Ultras werfen DFB und Regionalverbänden Täuschung vor
Wie aus einem gemeinsamen Schreiben von mindestens 47 Ultra-Gruppierungen hervorgeht, unterstützen die Fans mehrheitlich das sogenannte Kompassmodell, das künftig vier Regionalligen anhand der kürzesten Reisewege bilden würde. Stattdessen sehen viele Anhänger den Reformprozess durch die Verbände bewusst ausgebremst.
In dem Schreiben heißt es deutlich: „Viel zu lange litten die Regionalligisten unter dem Opportunismus der Verbandsfunktionäre, ließen sich gegeneinander ausspielen und letztlich betrügen. Der Reformwille ist geheuchelt, der letzte Funke Vertrauen meilenweit ins Abseits gestellt. Der deutsche Fußball braucht strukturelle und personelle Veränderungen.“
Besonders scharf kritisieren die Fans, dass die ursprünglich ausgearbeitete Kompromisslösung kurz vor der Abstimmung verändert worden sei. Die Reduzierung der geplanten Startplätze von 80 auf 72 bezeichnen die Ultra-Szenen als „Skandal“ und „bodenlosen Schachzug der Regionalfürsten“. Weiter heißt es: „Die argumentative und auf einem fair ausgehandelten Kompassmodell fokussierte Geschlossenheit der Vereine wurde durch aufkommende Ängste geschwächt.“
Weitere Aktionen in Bundesliga und DFB-Pokal geplant

Nach Informationen aus den Fan-Szenen sollen die Proteste in den kommenden Wochen deutlich ausgeweitet werden, wie die BILD berichtet. Bereits im DFB-Pokal könnten koordinierte Aktionen mit Bannern, Spielunterbrechungen und symbolischen Wurfaktionen stattfinden. Auch während der Bundesliga-Saison sind weitere Proteste geplant. Vor allem die Fans des FC Bayern hatten sich bereits im Pokalfinale klar für das Kompassmodell positioniert und die DFB-Spitze öffentlich kritisiert.
Der Ärger richtet sich inzwischen nicht mehr nur gegen die Reform selbst, sondern auch gegen die Verantwortlichen innerhalb des Verbandes. In dem Schreiben der Ultra-Gruppen wird unmissverständlich erklärt: „Liebe Fans, wir haben spätestens jetzt einen Punkt erreicht, an welchem Köpfe rollen müssen. Die Regionalverbände haben ihre Maske abgelegt und der korrupte DFB scheint dem Gebären seiner Vizepräsidenten nichts Ehrliches entgegenzusetzen.“
Parallel dazu verschärft sich auch der interne Machtkampf innerhalb des DFB. Während mehrere Regionalverbände ihre fünf Regionalligen erhalten und stattdessen die 3. Liga auf 22 Mannschaften erweitern möchten, setzt sich die DFB-Führung um Präsident Bernd Neuendorf gemeinsam mit DFL-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke für das viergleisige Kompassmodell ein. Eine Einigung ist derzeit jedoch nicht in Sicht.
Mit kreativen Protestformen wie den auf das Spielfeld geworfenen Siegerpokalen der Lok-Leipzig-Fans oder den mehrminütigen Spielstreiks in der Regionalliga Nordost haben die Ultra-Szenen bereits ein deutliches Zeichen gesetzt. Vieles deutet darauf hin, dass dies erst der Auftakt einer bundesweiten Protestbewegung war, die den deutschen Fußball in den kommenden Wochen weiter begleiten dürfte.

