Von 44 auf 24: Jürgen Klopp hat sein Aufgebot für die Nations-League-Spiele in Belgrad und gegen die Niederlande fast halbiert. Wer nach dem Herbst-Casting dabei bleiben durfte, hat in den vergangenen Wochen geliefert. Das macht diese Nominierung nachvollziehbar, mit einer großen Ausnahme.
Sieben Bayern-Spieler, dazu Wirtz, Havertz und Füllkrug als Gerüst. Daneben stehen Namen, die vor einem Jahr noch kaum jemand auf dem Zettel hatte: Lennart Karl, Said El Mala, Derry Scherhant, Philipp Treu, Wael Mohya. Klopp setzt also auf eine Mischung aus erfahrenen Leistungsträgern und jungem, frischem Wind, die der Nationalmannschaft guttut.
Mittelstädt statt Raum: Die Entscheidung passt nicht ins Bild
Umso weniger passt eine Personalie. David Raum ist Kapitän eines Champions-League-Teilnehmers, spielt in Leipzig jede Minute und gehört seit Jahren zu den besten Flankengebern der Liga. Maximilian Mittelstädt steht mit dem VfB Stuttgart auf Rang elf, das Team hat nach acht Spieltagen neun Punkte. Vieles spricht hier für Raum. Dass ausgerechnet der Leipziger zu Hause bleibt, ist die wohl einzige Entscheidung, die etwas fragwürdig wirkt.

Beim Fehlen von Karim Adeyemi lässt sich Klopps Gedanke dagegen nachvollziehen. In Belgrad wartet vor leeren Rängen eine Serbien-Elf, die tief verteidigen dürfte. Adeyemi ist am gefährlichsten, wenn er Räume hinter der Abwehr vorfindet, und genau die wird es dort kaum geben. Gefragt sind eher Spieler, die auch auf engstem Raum Lösungen finden. Wael Mohya, der sich mit seiner Ballsicherheit und seinen kurzen Dribblings durch dichte Defensivreihen bewegt, könnte in so einem Spiel wertvoller sein als ein Sprinter ohne großen Raum.
El Mala, Karl, Mohya: Klopp setzt auf junge Dribbler
Generell ist auffällig, wie viele Dribbler im Aufgebot stehen. Said El Mala hat für Köln in dieser Saison bereits vier Tore erzielt, fast alle nach Läufen von der linken Seite nach innen. Wael Mohya hat Gladbach mit 17 Jahren beim 3:2 in Stuttgart zum ersten Saisonsieg getragen. Derry Scherhant spielte in Griechenland die Vorlage zum aberkannten Burkardt-Tor nach einem Antritt über rechts. Lennart Karl kommt bei Bayern zwar meist von der Bank, hat zuletzt aber das wichtige Führungstor in Madrid erzielt. Dazu kommt Brajan Gruda, der nach seiner Verletzung in Leipzig zurück ist. Keiner der fünf ist älter als 23 und jeder einzelne besitzt seine Stärken in puncto Kreativität und Eins-gegen-eins.
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Füllkrug und Scherhant: Klopp würdigt Leistung
Bei Niclas Füllkrug hatte Klopp dagegen keine Wahl. Neun Tore in acht Spielen, Platz eins der Torjägerliste, und das in einem Bremer Team, das einige vor der Spielzeit als potenziellen Abstiegskandidaten gesehen hatten. Zudem hat in Klopps ersten Länderspielen noch kein Stürmer getroffen. Nmecha, Bischof und Wirtz erzielten die Tore, allesamt Mittelfeldspieler. Den formstärksten Neuner des Landes nicht zu nominieren, wäre kaum vermittelbar gewesen.

Derry Scherhant ist neben Philipp Treu der Spieler, der beim letzten Mal am stärksten von der großen Kadernominierung profitiert hat. Beim 0:0 in Thessaloniki bereitete er Burkardts Treffer vor, der nur wegen eines Handspiels im Vorfeld nicht zählte. Lothar Matthäus sprach von einem „Riesenspiel“. Der Freiburger suchte immer das Eins-gegen-eins, setzte sich zumeist durch und sorgte für große Gefahr auf dem linken Flügel.
Mohya ist Klopps wichtigster Erfolg
Den größten Grund zum Jubel im Lager des DFB liefert allerdings die Entscheidung eines 17-Jährigen. Wael Mohya hat in Gladbach erst eine Handvoll Spiele von Beginn an bestritten. Beim 3:2 in Stuttgart, dem ersten Saisonsieg der Borussia, war er mit einem Tor und zwei Vorlagen der beste Mann auf dem Platz, und das in einer Situation, in der die Borussia mit dem Rücken zur Wand stand.
Wie bei Spielern, die für mehr als eine Nation auflaufen dürfen, üblich, ist die Entscheidung aber auch strategisch wichtig. Mohya ist in Mettmann geboren, seine Eltern stammen aus Marokko. Monatelang haben beide Verbände um ihn geworben, und Marokko hatte bei jungen Talenten zuletzt oft eine große Anziehungskraft. Dass Mohya jetzt die DFB-Einladung angenommen hat, dürfte für Klopp und den DFB auch langfristig von enormer Bedeutung sein. Wer ihn in Interviews erlebt, sieht einen Jungen, der ohne Allüren auftritt und Lust auf diese Aufgabe hat.

Klopp ist wichtiger als ein Trainer
Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Nicolo Tresoldi vom FC Brügge, geboren auf Sardinien, aufgewachsen in Hannover, hat sich im Oktober Bedenkzeit zwischen Deutschland und Italien erbeten. Klopp hat damals gesagt, er wolle jungen Spielern mit mehreren Pässen keinen Druck machen. Mohya ist der Beweis, dass dieser Weg funktioniert: keine Ultimaten, aber eine Perspektive. Tresoldi wird das registriert haben.
Zudem spielt wohl auch die Aura von Jürgen Klopp eine bedeutende Rolle. Wenn der Champions-League-Sieger und Meister in der Bundesliga und der Premier League, der von allen Spielern geschätzt und respektiert wird, anruft, überlegt es sich auch ein 17-Jähriger zweimal, dieses Angebot abzulehnen.
Am Ende steht also ein Kader, der bei der Bevölkerung positiv registriert wird. Jung, mutig, torgefährlich. Ein Kader, der zum Einschalten einlädt.
